Von der Akzeptanz zur Selbstbestimmung #ILDay2019

Heute ist Independent Living Day, dabei geht es darum, über das Recht von Menschen mit Behinderung auf ein selbstbestimmtes Leben zu sprechen. Ich habe beschlossen, anlässlich dieses Tages einige meiner Erfahrung und Erwartungen in diesem Post zu teilen.

Für mich beginnt ein selbstbestimmtes Leben bei Akzeptanz behinderter Menschen als Teil der Gesellschaft. Ein Teil der Gesellschaft, dessen Ziele, Wünsche und Probleme nicht so unterschiedlich von jenen Nicht-Behinderter sind, wie manche vielleicht denken. Natürlich haben wir zusätzliche Herausforderungen zu bewältigen und machen teilweise andere Erfahrungen – und ich bin froh, wenn Leute an diese Herausforderungen denken und mir helfen sie zu bewältigen (dafür ein grosses SCHANKEDÖN!, wie das Känguru sagen würde). Aber manche Leute denken so stark – um nicht zu sagen vorwiegend, wie es mir manchmal scheint – an die Behinderung, dass sie völlig überrascht sind, wenn ich zum Beispiel erzähle, dass ich Metal höre oder was ich mit Freunden schon so alles Verrücktes gemacht habe. Auch wurde mir schon gesagt, wie beeindruckend es sei, dass ich so eine anspruchsvolle Ausbildung mache. Das zeigt meiner Meinung nach recht deutlich, wie wenig die Gesellschaft über Behinderte und ihre Leben weiss, obwohl es extrem wichtig wäre – wie es gegenseitiges Verständnis in jedem Kontext mit mehreren Personen ist. Deshalb ist der Dialog für mich zentral. Wenn ihr also Fragen habt, fragt! … Naja, am liebsten nicht unbedingt, wenn ich gerade mit meinem Langstock auf der Strasse vorbeilaufe und wir zuvor noch kein einziges Wort gewechselt haben – ja, das hat tatsächlich mal jemand gemacht und es war extrem schräg. Glücklicherweise ist die absolute Mehrheit der Menschen aber sehr vernünftig und ich hatte so schon wirklich viele tolle Gespräche.

Ich habe meinen Beitrag so angefangen, weil ich glaube, dass dieses fehlende Verstädnis der Grund für die meisten Probleme ist, mit denen wir konfrontiert sind. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie in der Primarschule eine Lehrerin meine Mutter darauf hinwies, dass es für Kinder wie mich Sonderschulen gäbe. Das, obwohl ich zu den Klassenbesten gehörte und keine besondere Unterstützung ausser die Hilfsmittel auf meinem Pult brauchte, die ohnehin niemanden störten. Ich glaube, sie wusste einfach nicht, wie sie mit mir umgehen sollte. Seit dem hat sich einiges getan und ist sich weiter am tun. Am Gymnasium wird das Ganze sehr pragmatisch gehandhabt und einfach mal probiert, ob und wie etwas geht. Wenn es nicht funktioniert, hat man ja immer noch genug Zeit, sich Gedanken über andere Lösungen zu machen. Ausser Bildnerisches Gestalten habe ich so alle Lektionen besuchen können – sogar die Praktika im Labor, welche mir besonders Spass gemacht haben. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich diese Möglichkeit bekommen habe.

Im Herbst beginne ich nun mein Studium. Nachdem ich mit der Fachstelle Studium und Behinderung und den für meine Fächer zuständigen Studienkoordinatoren Kontakt aufgenommen habe, war sehr schnell klar, dass ich soweit es irgendwie geht alles machen werden kann, was auch nicht-behinderte Studis machen können.

Ich muss sagen, dass ich sowohl von der Kanti als auch von der Uni positiv überrascht war. Ich hätte nicht gedacht, dass mir so viele Möglichkeiten offen stehen. Nicht, weil ich mir gewisse Sachen nicht zugetraut hätte, sondern weil es leider auch im Jahr 2019 noch nicht selbstverständlich ist, dass man diese Unterstützung erhält.

Also, behinderte Menschen können genau die gleichen Leidenschaften, Kompetenzen, Ziele, Schwierigkeiten etc. haben wie alle anderen auch. Wir sind nich so eine Art Aliens (wobei ein Alien zu sein sicher noch spannend wäre…). Bitte nehmt uns ernst und sagt uns nicht, dass wir dieses oder jenes nicht tun können. Wenn ich Lust habe zu reisen, sagt mir nicht es wäre zu gefährlich. Ja, ich könnte mich verlaufen und natürlich ist es frustrierend eine Ewigkeit damit zu verbringen, irgendwas zu suchen, aber das ist halt den Deal den man eingeht (und übrigens passiert das ja auch Sehenden). Ich glaube, dass jeder irgendwie eine Macke hat, ich habe einfach eine, die man sieht und werde dementsprechend wahrgenommen und behandelt. Aber wenn wir uns für einen Moment vorstellen würden, dass ich sie nicht hätte, wäre ich immer noch die gleich Person (vielleicht einfach mit ein bisschen schöneren Augen ;p).

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