Totgeschwiegen und stigmatisiert

In Grossbritannien war diese Woche Mental Health Awareness Week. In der Schweiz bleibt das Thema psychische Gesundheit eine Randnotiz.

Bei der Mental Health Awareness Week im Vereinigten Königreich geht es darum, Aufmerksamkeit auf das Thema psychische Gesundheit zu lenken. Es gibt mit der grünen Schleife ein offizielles Erkennungszeichen, mit dem Menschen ihre Solidarität ausdrücken. Und auch Oppositionsvorsitzender Jeremy Corbyn hat sich prominent dazu geäussert – nicht zum ersten Mal übrigens. In der Schweiz gibt es nichts von all dem. Alle paar Monate wird vielleicht irgendwo ein Artikel zu dem Thema publiziert, der dann vielleicht von ein paar tausend Menschen gelesen wird. Dann ist wieder Funkstille.

Die Konsequenzen dieser Funkstille sind drastisch. Nach wie vor sind breite Bevölkerungsschichten nicht in der Lage, sich einzugestehen, psychische Probleme zu haben. Nach wie vor halten viele Schweizer*innen psychische Krankheiten nicht für «richtige» Krankheiten. Und selbst Betroffene, auf die dies nicht zutrifft, haben Angst. Angst, nicht ernst genommen zu werden, missverstanden zu werden. Das äussert sich darin, dass sie kaum offen über ihre Krankheit reden. Dass sie zum Beispiel Skrupel haben, sich ein Arztzeugnis aus psychischen Gründen ausstellen zu lassen, weil sie befürchten, dass der*die Chef*in dies nicht akzeptiert. Und – am allerschlimmsten – nach wie vor werden viele Leute hierzulande wegen psychischen Problemen stigmatisiert, regelrecht verurteilt, an den Rand gedrängt, als Personen delegitimiert.

Warum das Schweigen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der man als Mensch gefälligst so zu funktionieren hat, wie es erwartet wird. Und wenn wir diese oft sehr hohen Erwartungen nicht erfüllen können, ist das unser Problem. Wir sollen alles mit einem Lächeln ertragen und funktionstüchtig bleiben. Existenzängste? Stress? Soziale Probleme? Unwichtig. Alles was zählt ist Leistung. Und zwar nach den Bedingungen, die uns geboten werden. Denn das ist ja das Verrückte: Ein verständnisvoller Ansatz, der zum Beispiel die medizinischen Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Krankheiten berücksichtigen würde, würde diese Menschen über kurz oder lang leistungsfähiger machen. Nur rentiert das halt nicht. Es ist rentabler, Leute, die den Normanforderungen unserer Welt nicht entsprechen, einfach auszusieben und an den Rand zu drängen.

Wie könnte es weiter gehen?

Wir können keine Probleme lösen, die wir nicht wahrnehmen. Deshalb ist ein Projekt wie die Mental Health Awareness Week ein guter Ausgangspunkt: Es würde die psychische Gesundheit zumindest zeitweise stärker in den Fokus rücken. Gleichzeitig muss das Stigma fallen, das psychische Krankheiten umgibt, damit wir diese endlich als medizinische Probleme behandeln können, wie wir es mit körperlichen Krankheiten längst tun. Schlussendlich müssen wir aber einen Schritt weiter gehen. Wir müssen die Umstände unter denen wir leben, lernen und arbeiten anpassen. Einerseits, damit Menschen mit psychischen Krankheiten und Normabweichungen ihr volles Potential ausschöpfen können. Andererseits, um vermeidbare Neuerkrankungen zu verhindern. Schlussendlich ist es nämlich oft die Umwelt, die uns krank macht. Schaffen wir uns eine gesundere Umwelt!

 

 

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