Unsere Fragen an Vera und Nina, die Kandidatinnen für die GL der JUSO Schweiz

An der Delegiertenversammlung der JUSO Schweiz vom Samstag gibt es wieder Kampfwahlen. Kampfwahlen sind toll – aber nur so toll, wie die Möglichkeiten, die die Mitglieder haben, um sich ein Bild der Kandidierenden zu machen. Diese Information – gerade auch all der Leute, die nicht die Möglichkeit haben, ein Hearing zu besuchen – ist uns ein grosses Anliegen. Nachdem unser Interview mit Bertil und Lukas vor den letzten GL-Wahlen zudem auf so viel positives Feedback gestossen ist, haben wir deshalb beschlossen, das dieses Mal zu wiederholen – und zwar mit noch mehr Fragen!

Die Antworten veröffentlichen wir auch dieses Mal wieder ungekürzt und unbearbeitet.

Anmerkung: Wie sich herausstellte, ist der Grund dafür, dass wir Ninas Antworten erst so spät erhalten haben ein Problem mit ihrem E-Mail-Account; sie hatte sie uns eigentlich schon vor ein paar Tagen geschickt und das Problem wurde erst heute bemerkt.

1. In der JUSO wie in anderen linken Kreisen wird viel von Antikapitalismus geredet. Auch ihr habt beide in eurer Kandidaturerklärung den Fokus unter anderem darauf gelegt. Was konkret ist deine Vision für eine Alternative zum Kapitalismus?

Vera:

Ich will als Alternative jetzt kein konkretes System nennen, meine Utopie besteht darin dass alle zusammen hierarchiefrei ein gemeinsames System schaffen in dem sich alle individuell und gemeinsam entfalten können. Eine exakte konkrete Vision will und kann ich nicht nennen weil das nie von einer einzelnen Person ausgehen sollte sondern von der Gemeinschaft. Sonst wird es genau so scheitern wie alle bisherigen Systeme.

Nina:

Ich will in einer Gesellschaft Leben, in der die Menschen bestimmen, was an ihrem Arbeitsplatz, in der Politik, in ihrer Schule oder ihrem Quartier passiert. Das heisst, dass die Produktionsmittel unter demokratischer Kontrolle stehen und nicht in privatem Besitz sind. So wird das produziert, was die Menschen brauchen und wollen – und nicht das, was am meisten Profit generiert. Meine Vision beschränkt sich aber nicht nur auf eine Änderung der Besitzverhältnisse: Erst durch die Zerschlagung des Patriarchats werden wir in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen gleich viel wert sind – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung oder Fähigkeiten. Das wiederum ist die Grundlage für eine wahrhaft demokratisch organisierte Gesellschaft.

2. Wie kann deiner Meinung nach die Inklusion von Menschen mit Behinderung erreicht werden?

Vera:

In der Juso: wir sollten sicher öfter drüber reden. Es besteht noch viel Verbesserungspotential, um unsere Partei überhaubt bestmöglich für alle zugänglich zu machen. Und wir sollten mehr zuhören. Denn niemand kann uns besser sagen was zu tun sei als die Betroffenen selber.

In der Gesellschaft: Wir scheitern schon bei der Architektur, wir sind nicht Rollstuhltaiglich, haben kaum noch konsumfreie Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum, wer nicht gut sehen oder hören kann, hat es im ÖV schwer.

Und wir sollten einander viel öfter begegnen. Das könnte Beispielsweise schon in der Schule anfangen, beispielsweise durch integrativen Unterricht. Dabei muss man jedoch dringend bereit sein das profitorientierte Schulsystem zu verändern, es braucht mehr personelle Ressourcen und Frontalunterricht gehört sowas von ins letzte Jahrtausend. Es braucht ein radikal neues System.

Nina:

In der Gesellschaft: In unserem kapitalistischen, patriarchalen System zählt nur, wer Leistung erbringt und gewissen Normen entspricht. Wer das nicht (oder nur in geringerem Masse) kann oder will, wird aufs Abstellgleis geschoben. Ich glaube deshalb nicht, dass wirkliche Inklusion im bestehenden System jemals erreicht werden kann. Natürlich gibt es konkretes Verbesserungspotential, in dem mehr Geld für Infrastruktur oder Lehrpersonen zur Verfügung gestellt wird, aber das ist doch nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. Auf dem Weg zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft ist es für mich deshalb zentral, dass wir einen Feminismus leben, der sagt: „Jeder Mensch ist gleich viel Wert – unabhängig von Geschlecht, Identität und Herkunft, aber auch unabhängig von körperlicher oder geistigen Möglichkeiten.“

In der JUSO: Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen sind unterschiedlich und vielfältig. Ich fände es komisch, wenn ich hier als Mensch ohne Behinderung ein fertiges Konzept aus der Tasche ziehen würde. Grundsätzlich müsste meiner Meinung nach das GL-Mitglied, das das Ressort Gleichstellung hat, noch stärker zu einer Anlaufstelle werden, damit man „konkrete“ Probleme praktisch und unkompliziert anschauen kann. Gleichzeitig müssen wir (wie oben erwähnt) daran arbeiten, dass unser Feminismus breiter wird und sich auf Menschen mit Behinderung erstreckt.

3. Neurodiversität ist ein recht neues Thema, auch für Linke. Was ist deine Position dazu? Was sind deine Vorschläge, um Menschen mit psychischen Normabweichungen besser zu integrieren?

Vera:

Ich finde den Ansatz sehr spannend, gerade für manche Menschen mit AD(H)S oder Authismus, glaube jedoch nicht dass alle psychischen Normabweichungen geholfen ist, sie als normale Abweichung einzuordnen. Ich habe mich jedoch zugegebenermaßen bis jetzt nie richtig mit der Thematik auseinandergesetzt.

Was wir nicht verstehen, fällt uns schwer zu integrieren, deshalb sollten wir uns besser informieren. Gerade psychische Normabweichungen sind ein riesiges Feld für das es kein allgemeines Rezept gibt. Sie sind so individuell, von Person zu Person kann die gleiche Diagnose gegenteilige Symptome bedeuten. Deshalb lässt sich zur besseren Integration nicht wirklich ein Konzept erarbeiten (sorry Funke) sondern basiert auf zwischenmenschlichem Aufeinanderzugehen. Das braucht Mut und Ermutigung aber nur so kann ein gegenseitiges Verständnis aufgebaut werden das uns auch politisch weiterbringt.

Nina:

Neurodiversität sagt, dass neurobiologische Unterschiede zwischen Menschen wie jede andere menschliche Variation angesehen und respektiert werden. Ich finde das Konzept grundsätzlich spannend, weil es alle Menschen umfasst und damit das klassische „Gesund/Krank“-Schema in Frage stellt. Das ist aus zwei Gründen wichtig: 1. Werden psychische Erkrankungen immer noch stark stigmatisiert. Das Konzept der Neurodiversität könnte dem etwas entgegensetzen. 2. Die Definition von „normal“ bzw. „gesund“ ist immer auch gesellschaftlich geprägt. So galt Homosexualität bis in die 70er als psychische Erkrankung.

Welches Konzept man in der Theorie anwendet ist das Eine. Zentral finde ich jedoch, dass in der Praxis alle Menschen, die einen Leidensdruck empfinden, unkompliziert, niederschwellig und krankenkassenfinanzierten Zugang zu professioneller Hilfe haben.

Bezüglich der besseren Integration: Ich gebe hier die gleiche Antwort wie schon bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung. In einem System, dass nicht darauf ausgelegt ist, dass alle Menschen frei und entsprechend ihrer Möglichkeiten und Bedürfnisse leben können, werden es nicht-neurotypische Menschen immer schwierig haben. Und auch hier muss unser Feminismus breiter werden.

4. Wie stehst du zu separatistischen Bewegungen?

Vera:

Die Gründung neuer Staaten wiederstrebt mir sehr, bin ich doch für deren Abschaffung. Dennoch befürworte ich die Abspaltung unabhängiger Regionen von faschistoiden, terroristischen Regierungen wie Spanien oder Syrien usw.

Nina:

Man kann nicht alle separatistischen Bewegungen über einen Kamm scheren und selbst innerhalb einer Bewegung gibt es unterschiedliche politische und wirtschaftliche Motive. Die Gründung von neuen Nationalstaaten bringt uns nicht weiter, gleichzeitig kann man es diversen separatistischen Gruppen nicht verübeln, wollen sie sich von ihrem Ursprungsstaat lösen.

5. Ein Mantra, das innerhalb der JUSO immer wieder beschworen wird, ist „Wir sind die 99 Prozent“. Trotzdem organisiert die JUSO bisher nur einen Bruchteil der Gesellschaft. Wie erklärst du dir das?

Vera:

  • Unsere Mitglieder sind ca zwischen 15 und 35 jährig. Allein diese Einschränkung verhindert ja dass wir jemals 99% sein werden.
  • Innerhalb eines bürgerlichen Staates ist es schwer, Menschen von neuen Ideen, auch wenn sie 100 jährig sind, zu überzeugen.
  • Politisches Engagement ist in unserem Alter aussergewöhnlich, genau da also wo man offener wäre für neue Ideen.

Nina:

Mit „wir“ meinen wir nicht die JUSO. Mit „wir“ meinen wir die internationale Arbeiter*innenklasse. Wenn wir uns anschauen, mit wem die JUSO alles zusammenarbeitet und in was für diversen Gremien und Organisationen sie international, national, kantonal und auf der Gemeindeebene mitwirkt, wird rasch klar, dass die JUSO viel breiter aufgestellt ist, als die bescheidene Zahl von (Partei-)Mitgliedschaften glauben machen könnte. Durch solche Zusammenarbeit und unsere Solidarität auch im internationalen Kontext, ist die JUSO in ihrer spezifischen Rolle einer Jungpartei viel wirkungsmächtiger, als wir uns oft selber glauben machen. Vor anderthalb Jahren hat unsere Spekulationsstopp-Initiative an der Urne über 40% (!) gemacht. Natürlich ist die Initiative trotzdem gescheitert und direkt gab es daraus keine Verbesserung. Aber sie hat den Weg geebnet oder vereinfacht für Bestrebungen wie die Konzernverantwortungsinitiative, in deren Zusammenhang sich heute selbst Wirtschafts-Vertreter*innen bis weit ins bürgerliche Lager hüten, die Profitmaximierung über alles zu stellen. Gleichzeitig können wir durch unsere interne Bildungsarbeit den Nährboden für Alternativen zu diesem Profitdenken bereitstellen.

Die andauernde und sich verschlimmernde Krise des kapitalistischen Systems verunsichert und beunruhigt zahllose Menschen – nicht weil sie den Glauben an etwas verloren hätten, sondern weil sie Rechnungen nicht mehr bezahlen können und davon ausgehen (müssen), dass es ihre Kinder dereinst noch schwieriger haben werden. Hier müssen wir bereitstehen, aufzeigen was die Ursache dieser Sorgen sind und wie wir diese gemeinsam aus der Welt schaffen können. Nur eine so gestärkte und solidarisierte Arbeiter*innenklasse kann dem Kapital wirklich etwas entgegensetzen.

Die JUSO arbeitet in diesem Wissen und organisiert also einen Teil dieser Masse, aber im ständigen Bewusstsein, dass dies isoliert nichts bringt. Nur durch die ergänzende Zusammenarbeit mit Bündnisorganisationen auch über das parlamentarische Spektrum hinaus und mit spontanen Bewegungen wie der „Nuit débout“ oder dem Women’s March wird es uns gelingen, den Kapitalismus zu überwinden.

6. Bezüglich Frage 5, was muss die JUSO deiner Meinung nach unternehmen, damit sie zu einer wirklichen Massenorganisation werden kann?

Vera:

Ich finde die JUSO muss nicht zwingend eine Massenorganisation werden sondern Teil einer Massenbewegung die sich aus allen radikal linken Strömungen und Organisationen zusammen aufbaut. Zusammenarbeit statt Spaltung also, auch mit dem ausserparlamentarischen Flügel.

Nina:

Ich sehe die JUSO nicht als eigentliche Massenorganisation oder als eine Partei, die anstreben sollte, dies zu werden. Wie bei Frage 5 erwähnt, hat die JUSO vielmehr eine spezifische Rolle, welche sie in ihrer heutigen Form bereits sehr erfolgreich wahrnimmt – an der es aber natürlich noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt.

7. Wie stehst du zur EU?

Vera:

War wohl nett gemeint, hat lausig versagt.

Nina:

Die EU ist ein undemokratisches, neoliberales, gescheitertes Konstrukt. Ich lehne einen Beitritt der Schweiz ab. Gleichzeitig müssen wir uns aber fragen, wie internationale Zusammenarbeit stattdessen aussehen könnte und vor allem, wie die Linke nun in Europa nun handeln muss. Das Beispiel Griechenland hat klar gezeigt, dass ein (links regierter) Nationalstaat alleine sich nicht gegen die Vorherrschaft der EU (bzw. der Troika) auflehnen kann. Denn was soll man auch tun, wenn man vor die Wahl gestellt wird, brutale Abbaumassnahmen zu akzeptieren oder die Kindersterblichkeit im eigenen Land weiter explodieren zu lassen? Das zeigt uns, dass sich das Ziel unserer Arbeit nicht darauf beschränken darf, innerhalb nationalstaatlicher Grenzen eine linke Mehrheit zu erzielen. Stattdessen müssen wir auf drei Ebenen ansetzen: 1. Zusammenarbeit zwischen linken Regierungen. Hätte sich die griechische Regierung beispielsweise mit anderen Regierungen zusammengeschlossen, die unter der Austeritätspolitik der EU litten und sich gemeinsam gegen die Troika aufgelehnt, wären die Erfolgschancen wohl wesentlich höher gewesen. 2. Zusammenarbeit zwischen linken Parteien und Organisationen. Nur wenn wir international zusammenarbeiten, können wir etwas erreichen. Diese internationale Zusammenarbeit muss schlussendlich in 3. Münden, nämlich einer länderübergreifenden linken Bewegung, in der sich die Menschen über alle Grenzen hinweg miteinander solidarisieren.

8. Was sollte die GL deiner Meinung nach tun, um Landsektionen besser zu unterstützen?

Vera:

Die Unterstützung jeder Sektion muss individuell gestaltet sein. Die GL muss den Lokalen Hilfestellung geben ohne ihnen direkt rein zu reden, beispielsweise durch Vermittlung von Wissen, nicht nur in Handbüchern sondern auch in persönlichen Gesprächen.

Nina:

Die GL hat die Tendenz dazu, sich an einen Tisch zu setzen, die Hände zu reiben und zu sagen: „So, heute retten wir die Landsektionen.“ Dann entsteht im luftleeren Raum ein Konzept, dass dann nicht umgesetzt wird und den Landsektionen nicht wirklich hilft. Ich will hier nicht denselben Fehler machen. Es gibt nicht die Landsektionen, die Probleme in Uri sind andere als die in Graubünden. Ich würde in der GL gerne das Sektionenressort übernehmen. Dort würde mich für einen Ansatz stark machen, bei dem man sich direkt und zügig mit den betroffenen Sektionen zusammensetzt und sektionsspezifische Massnahmen erarbeitet.

9. In der SP wurden zuletzt Stimmen (z.B. Christian Levrat) laut, die fordern, anderen Religionsgemeinschaften die gleichen Privilegien zu gewähren wie den Landeskirchen. Unterstützt du das? Oder willst du eher eine vollständige Trennung von Staat und Religion, inklusive Abschaffung der Landeskirchen?

Vera:

Jede*r darf glauben was sie*er will, mit dem Staat soll dies jedoch nichts zu tun haben. Als provokative Forderung um die Rechten zur Weißglut zu treiben mag ich jedoch Levrats Idee.

Nina:

Ich glaube, im Moment ist es eine Illusion, dass es so etwas wie eine Trennung von Staat und Religion gibt. Klar, auf institutioneller Ebene kann und soll man das fordern. Aber man darf nicht ausblenden, dass religiöse Gemeinschaften und Argumente den öffentlichen Diskurs und damit auch staatliches Handeln momentan stark prägen. Gleichzeitig entsteht durch die neoliberale Abbaupolitik eine Lücke in staatlichen Aufgaben, die dann von religiösen Gemeinschaften übernommen werden (im Kanton Bern hat die Heilsarmee beispielsweise einen Leistungsauftrag zur Betreibung von Asylheimen). Sich also in der Diskussion auf Forderungen wie die von Levrat zu beschränken, greift also zu kurz. Wichtiger ist die Frage, wie wir es als Linke schaffen, religiöse Argumente aus dem öffentlichen Diskurs zurückzudrängen.

Zur konkreten Frage: Der Staat soll sich allen Religionsgemeinschaften gegenüber gleich verhalten. Ich lehne deshalb das Konzept der Landeskirchen mit gewissen Privilegien wie der Kirchensteuer ab. Ich finde aber nicht, dass der Staat Religionsgemeinschaften einfach ignorieren sollte. Es braucht staatlichen Stellen, die mit religiösen Gemeinschaften im Austausch stehen.

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