(Nicht) Mein Feminismus

Mit 12 oder 13 Jahren habe ich begonnen mich für Gleichstellung einzusetzen. Ich habe begonnen, jegliche geschlechtsspezifischen Erwartungen zu hinterfragen und abzulehnen, mich gegen die damit einhergehenden Ungerechtigkeiten einzusetzen. Es hat etwas gedauert, bevor aus „Ich will einfach Gleichstellung“ ein überzeugtes „Ich bin Feministin“ wurde.

Ich bin überzeugt, dass es Feminismus auch heute noch braucht, dass wir Gleichstellung schlichtweg noch nicht erreicht haben. Aber ich bin auch überzeugt, dass wir nur weiterkommen können, wenn wir reflektiert, differenziert und kritikfähig sind und das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

 

Doch wie schaffen wir das?

 

Bestimmt nicht, indem wir uns eine einzelne Gruppe von Menschen „herauspicken“ und stundenlang einseitig über deren Privilegien diskutieren. Denn mit Privilegien gehen praktisch immer auch Erwartungen einher, unter denen jemand unter Umständen genauso leiden kann, wie unter dem Nichthaben eines Privilegs.

 

Beispiel: Männer werden als stark und rational wahrgenommen. Daraus ergibt sich für sie das Privileg grundsätzlich ernster genommen und als kompetenter erachtet zu werden als Frauen. Gleichzeitig wird an sie aber auch der Anspruch gestellt nicht (zu) emotional zu sein, was dazu führt, dass sie manchmal ihre Gefühle verstecken müssen und in einigen Fällen nicht lernen können, mit ihnen umzugehen.

 

Damit will ich nicht sagen, dass Männer aufgrund ihres Geschlechts genauso benachteiligt seien wie die Frauen. Nein, alles was ich sagen will ist, dass man nicht schwarz-weiss denken darf. Im Gegenteil: Es ist für unsere Bewegung unglaublich wichtig, so viele Menschen wie möglich für unsere Sache zu gewinnen. Und das geht nun einmal am besten, indem man Leute nicht einfach anprangert für Dinge, für die sie zuerst einmal nichts können, da sie sich diese ja auch nicht aussuchen konnten. Stattdessen müssen wir ihnen aufzeigen, dass jede*r Einzelne durch die momentanen Rollenbilder und die damit einhergehenden Erwartungen in verschiedenen Situationen Schwierigkeiten haben kann und alle von einem selbstbestimmten Leben ohne ebendiese Rollenbilder profitieren würden.

 

Geschlecht ist nicht der einzige Faktor

 

Es gibt noch viele weitere Faktoren, die zu Unterdrückung führen können. Es ist wichtig, dass wir diese nicht vergessen und Verbesserungen für alle anstreben. Indem aber Sonderregelungen für gewisse Gruppen gefordert werden, die notabene reine Symptombekämpfung sind und einer konsequenten Politik widersprechen, geschieht aber genau das Gegenteil: Verschiedene benachteiligte Gruppen werden gegeneinander ausgespielt.

 

Beispiel: Kürzlich forderten gewisse Feminist*innen einen zusätzlichen Feiertag für Frauen*, um die Lohnungleichheit etwas auszugleichen. Damit ist aber das Problem der Lohnungleichheit noch nicht gelöst. Gegner*innen könnten sogar argumentieren, dass man darüber im Moment nicht sprechen muss, da ja etwas unternommen wurde. So wäre den Frauen* also nur sehr begrenzt geholfen, ganz zu schweigen von allen anderen, die auf dem Arbeitsmarkt ähnlich benachteiligt sind.

 

Wollen wir Benachteiligungen bekämpfen, reichen „Zückerli“ nicht aus. Wir müssen alle Arbeitenden organisieren und für diesen gemeinsamen Kampf gewinnen. Denn nur, wenn wir die verschiedenen Kämpfe zu einem zusammenführen können, haben wir die Stärke, wirkliche Veränderungen zu erreichen.

Ich bin überzeugt, dass das funktionieren kann, denn jede*r einzelne hat irgendwo in der „Unterdrückungsmaschinerie“ einen Platz. Und entgegen dem ersten Eindruck ist es für 99 Prozent der Menschen nicht am lohnenswertesten, die eigenen Privilegien zu verteidigen, sondern sich zu überlegen, wieso es diese Vor- und Nachteile gibt in einer so entwickelten Gesellschaft wie der unseren, die eigentlich mehr als genug hat.

Die Antwort ist einfach: Solange wir in der momentanen Wettbewerbslogik leben, sind wir quasi dazu gezwungen „Schwächen“ in den anderen zu suchen, um die eigenen Chancen zu verbessern. So werden die Menschen gegeneinander ausgespielt und wirklich profitieren werden am Ende nur die Firmenbosse, die kritiklos nur die „Besten“ anstellen. Der am entscheidendste Faktor liegt also keineswegs im Geschlecht oder der Herkunft, sondern in der Klassenzugehörigkeit. Für mich ist klar: Es braucht Solidarität und es braucht Klassenkampf, statt irgendwelche Scheinlösungen, die einer Gruppe zwar zu helfen scheinen, in Wahrheit aber reine Symptombekämpfung sind. Das ist auch der Weg, wie wir am besten gegen die materielle Ungerechtigkeit, von der gerade auch Frauen* sehr stark betroffen sind, vorgehen können und sollten.

Damit will ich aber nicht sagen, dass es falsch wäre, spezifische Forderungen für gewisse Gruppen zu stellen. Ganz im Gegenteil: Obwohl die Grundlage für alle möglichen Diskriminierungen meist dieselbe ist, sind die Diskriminierungen an sich so unterschiedlich, dass es für kurz- bis mittelfristige Verbesserungsforderungen oftmals sicher sinnvoller ist, sie einzeln anzuschauen, solange trotzdem nicht vergessen wird, die „Nachbarn“ in gewisse Überlegungen auch miteinzubeziehen.

 

Jede Meinung ist wichtig

 

Wie gesagt, können wir nur weiterkommen, wenn wir uns untereinander solidarisch zeigen. Diese Solidarität besteht aber nicht allein in der Unterstützung der Forderungen einer Bewegung, sondern im Zusammenschluss der verschiedenen Bewegungen, die sich für Gleichheit einsetzen. Damit das funktionieren kann, müssen alle die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Es ist sinnvoll, dass sich vor allem Menschen, die davon betroffen sind, mit einem Thema beschäftigen, denn sie kennen die Situation am besten. Aber es braucht unbedingt auch die anderen zum einen natürlich als Unterstützer*innen, zum andern bin ich aber überzeugt, dass jede Person grundsätzlich zu allem wertvolle Beiträge leisten kann. Nicht selten ist es auch von Vorteil, noch andere Perspektiven zu haben – gerade bei Themen, die sehr emotional werden können, finde ich solche Leute wertvoll, die möglicherweise helfen können, eine rationale Diskussion beizubehalten.

 

Lasst uns offen, solidarisch und prinzipientreu für echte Gleichstellung aller Menschen kämpfen, statt uns in undifferenzierten und generalisierten Schuldzuweisungen und Scheinlösungen zu verrennen! Lasst uns das ganze Bild betrachten!

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